Am Anfang
Überraschend still war es. Ich jedenfalls kannte Sport nur als lautes und buntes Durcheinander. Doch beim Kyudo-Training geht es ruhig zu. Im wörtlichen Sinn. Denn gerannt wird nicht, gehüpft nicht, nicht gesprungen. Wer in die Halle kommt, verbeugt sich und scheint dann einer unsichtbaren Choreographie zu folgen. Knien, stehen, hocken, schreiten und nicht zuletzt schießen. Große Ansagen gibt es nicht, keine Hektik, die beiden Stunden verlaufen unspektakulär. Ich sitze mit sechs anderen auf einer Bank am Rand und mache große Augen.
Beim nächsten Mal sind wir drei: Carolin, Heiko und ich. Den ganzen Februar über werden wir zu Gast im Dojo sein und am Training teilnehmen. Natürlich nicht am Bogen, der ist für Anfänger tabu. Wir bekommen ein Gomuyumi, eine Art Zwille mit Gummischläuchen, an der wir die Grundtechnik lernen. Die Zwille ist zum Üben genial. Sie ist klein und leicht und ermöglicht noch ohne Pfeil die Bewegungen auszuprobieren. Doch im Vergleich zu den eleganten Bögen sieht sie ganz schön mickrig aus. Wir drei sind jedenfalls froh, nicht alleine damit in der Halle zu stehen.
Die größte Herausforderung ist für mich die Etikette. Werde ich mir Regeln aus der japanischen Kultur aneignen können? Mich beim Betreten und Verlassen der Halle vor einem unsichtbaren Altar verbeugen, vor den Lehrern verbeugen, vor dem Feind verbeugen, auf Kommando verbeugen und vor der Zielscheibe? Verträgt sich das mit meinem westlichen Ego? Oder wird es etwas Aufgesetztes bleiben, eine leere Form, die mich vielleicht irgendwann stört oder ärgert? Nach den ersten Wochen hat sich die Frage von selbst beantwortet. Ich kann mich verbeugen, ich kann auch auf den Fersen hocken, wenn mir die Füße dabei einschlafen, ohne das Gefühl zu haben, mich in eine Japanerin verwandeln zu müssen. Es passt für mich, ich fühle mich nicht reglementiert, eher aufgefordert, aufmerksamer zu sein und geduldig. Im Spiegel kann ich das auch schon sehen: ich stehe – wenigstens morgens - aufrechter davor.
Anfang März treten wir zu dritt dem Dojo bei. Anfang April bekommen wir unsere ersten Bögen – wenn auch nur geliehen. Und damit fängt alles wieder von vorne an. Denn was mit der Zwille schon ganz leidlich ging, ist mit dem Bogen ein ziemlicher Hindernislauf. Für mich jedenfalls. Er schlingert und wackelt bei jeder Bewegung und wenn ich nicht aufpasse, ecke ich an oder er rutscht mir aus der Hand. Keine Ahnung, wie ich damit jemals ein Ziel treffen soll. Mein Trost: die anderen haben es auch gelernt. „Die ersten 10 Jahre ist man sowieso Schüler“, sagt Thomas, unser Lehrer. Eine bedrückende Aussicht? Carolin lacht: „Das ist doch auch eine Freiheit. Ich kann mir Zeit lassen, bis ich es für mich raus bekomme. Und muss nicht gleich von Anfang an perfekt sein.“
Letzte Woche haben wir uns Hakama, Gi und Obi gekauft, das sind die traditionellen Kleidungsstücke für japanische Bogenschützen. Knöpfe gibt es nicht, schon gar keine Reißverschlüsse. Alles wird gewickelt und geknotet. Noch so ein Geduldsspiel, sich zum Beispiel auf dem Rücken eine Schleife zu binden, deren Flügel gleichlang und horizontal sein müssen. Um pünktlich zu sein, werden wir ab jetzt auch früher kommen. Damit wir genug Zeit haben, uns sorgfältig anzuziehen. Kyudo ist nichts, was man einfach mal ausprobiert. Zwei bis dreimal Training in der Woche, die teure Ausstattung und dann bügeln, falten, rollen, knien – blaue Flecken und Muskelkater inbegriffen. „Warum machen wir das eigentlich?“ Ja, warum? Diese Frage wird uns mit ziemlicher Sicherheit bei der ersten Prüfung gestellt. Zum Glück ist bis dahin noch etwas Zeit.
Stephanie Jaeckel
